Foto: Hugo Erfurt, 1927

Als Grafikerin, Malerin und Bildhauerin ist Käthe Kollwitz eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen und eine der herausragenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Ihr umfangreiches Schaffen drückt die Liebe zum Menschen und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden aus. Als Mutter, die im Ersten Weltkrieg ihren erst 18jährigen Sohn verlor, steht sie für eine überaus politische Kunst, die von tiefer Menschlichkeit, sozialistischer Ansicht und pazifistischer Überzeugung geprägt ist. 

„Ich beschließe noch einmal – zum 3. Mal – dasselbe Thema aufzunehmen und sagte zu Hans vor ein paar Tagen: Das ist nun einmal mein Testament: ‚Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden’ […] Ich zeichnete also noch einmal dasselbe: Jungen, richtige Berliner Jungen, die wie junge Pferde gierig nach draußen wittern, werden von einer Frau zurückgehalten. Die Frau (eine alte Frau) hat die Jungen unter sich und ihren Mantel gebracht, gewaltsam und beherrschend spreitet sie ihre Arme und Hände über die Jungen. ‚Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden’ – diese Forderung ist wie ‚Nie wieder Krieg’ kein sehnsüchtiger Wunsch, sondern Gebot. Forderung.“

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Dezember 1941
„Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden« (1941)

Kollwitz’ expressionistisches Werk spricht, redet, schreit, wimmert, weint, wütet, singt, tobt, jauchzt, wenn man es betrachtet. Die Künstlerin verleiht jedem ihrer Werke eine unüberhörbare Stimme, der man sich in ihrer Werksprache nicht entziehen kann. Trotzdem bleibt das Schaffen in erster Linie ein mit dem Auge Wahrzunehmendes. 

Im Projekt „Käthe Kollwitz – Strich und Ton“ wird das optische Schaffen Kollwitz’ hörbar gemacht – es erreicht eine Transformation vom Sehen ins Hören und von dort aus wieder zu neuem Sehen. Die Homonyme des Projekttitels sind bewusst gewählt, um die Nähe zwischen Musik und darstellender Kunst deutlich zu machen.

Der Linie in Kollwitz’ Werk folgend und sie in Ton verwandelnd,  den dargestellten Lautäußerungen Stimme gebend, bietet sich das Solo Violin Projekt an. 

Kollwitz’ Strich, sei er eine zart, verhauchte Schattierung oder druckvolle Expression, den dazugehörigen Bogenstrich zu geben, den dramatischen Bogen ihrer Darstellung in Musik zu bündeln, die, anders als das verarbeitete Werk der Kollwitz, nicht statisch bleibt, sondern sich entwickelnd Geschichten über ihre Werke erzählt.

Die tonalen Kompositionen vertiefen beim Zuhörer den Ausdruck des Kollwitz-Werkes. Die direkte Gegenüberstellung von fertigem Kunstwerk und sich entwickelnden Tonreihen, Melodien, Geräuschen, Dynamiken bringt dem Betrachter und Zuhörer die dargestellte emotionale Fülle des Kunstwerks auf einer anderen Ebene neu und anders nahe.

„Mutter mit totem Sohn“ (1903)

Im Laufe der vergangenen Jahre, in denen ich mich wechselweise intensiv der darstellenden Kunst und der Musik widmete, rückte die Künstlerin Käthe Kollwitz stärker in meinen Fokus – zum einen aus der Studienzeit (Kunstwissenschaften) zum anderen aus dem persönlichen Interesse für Frauenfiguren, welche die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts in besonderer Weise prägten. 

Käthe Kollwitz‘ Ringen um eine gerechtere Gesellschaft mit besseren Bedingungen für weniger Privilegierte, ihre couragierten Lebenseinstellung und ihr uneingeschränkt pazifistischer Geist regen mich an, dieser bedeutenden Künstlerin musikalisch gerecht zu werden. 

Das Projekt für Solovioline bietet angemessene Möglichkeiten, sich mit den Grafiken der Künstlerin auseinanderzusetzen. Die Reduktion auf nur ein Instrument lässt die Klarheit der Linie Raum. Die Farbreduktion des Kollwitzschen Werkes konzentriert sich auf den einzelnen Strich. So ergibt sich eine Klarheit und zuweilen eine Eindrücklichkeit, die mit der Einsamkeit eines einzigen Instrumentes am besten widergespiegelt werden kann. Sie entwickelte als Künstlerin ihren eigenen, Expressionismus und Realismus integrierenden Kunststil.

„Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke“

Käthe Kollwitz